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Beleistung von Decke und Boden
Der Decke hat im Gesamtsystem der Gitarre konstruktiv und akustisch die wichtigste und schwierigste Aufgabe zu erfüllen. Sie muss einerseits leicht genug sein, um schnell anzusprechen. Andererseits muss sie den Kräften von ca. 50 bis 90 kg Saitenzug widerstehen. Dabei ist die Decke so etwas wie ein akustischer Equalizer für die Schwingungen der Saiten. Sie filtert und gestaltet das Klangspektrum.
Über viele Jahre und mit zahlreichen Versuchen und Rückschlägen haben Gitarrenbauer Techniken für die Beleistung von Decken entwickelt, die die strukturelle Belastbarkeit erhöhen, gleichzeitig aber das Gewicht reduzieren. Diese Entwicklung hat durchaus Parallelen in Architektur und Ingenieurwesen. Leichtbau-Konstruktionen z.B. bei Flugzeugflügeln oder bei Dach-Tragwerken folgen vergleichbaren Prinzipien.

Eine Tragkonstruktion des spanischen Architekten und Bauingenieurs Santiago Calatrava. Die formale Ähnlichkeit zur Beleistung von Gitarren ist durchaus nicht zufällig, sondern folgt auch hier dem Ziel, Gewicht und Belastbarkeit zu otpimieren. Calatrava orientiert sich dabei an natürlichen Strukturen, wie z.B. Skeletten, Vogelflügeln, Blattwerk.
Die Beleistung als "Tragwerk" der Gitarre
Das nachfolgende Schema betrachtet den Boden einer Gitarre schematisch - und zugegebener Maßen stark vereinfacht - als tragendes Element, das an zwei Auflagern (den Reifchen als Verbindung zu den Zargen) eingespannt ist (Bild 1).

Unter Belastung würde sich der Boden prinzipiell in einer wie in Bild 2 dargestellt Form durchbiegen. Der Verlauf der Biegung ergibt sich aus der Verteilung der im Boden wirkenden Kräfte. Die Beleistung dient dazu, diesen Kräften entgegen zu wirken.
Wenn Sie vor diesem Hintergrund die typische Form von Bodenleisten betrachten, folgt diese der angenommenen Biegelinie (Bild 3). Die charakteristischen auslaufend bearbeiteten Enden der Leisten sind also keineswegs nur formal oder ausschließlich dem Klang geschuldet.
Scalloped Bracing – ausgehöhlte Beleistung
Eine Gitarre ist in vielen Aspekten eine Tragstruktur, die statischen Anforderungen gerecht werden muss. Allerdings sind die statischen Zusammenhänge dabei deutlich komplexer, als im oben stehenden Schema zur Vereinfachung angenommen wurde. Dies gilt im besonderen Maß für die Wirkung des Saitenzugs auf die Decke und dessen Weiterleitung durch die Decken-Beleistung und die Decke selbst.
Als Einstieg in das viel diskutierte Thema „Scalloped Bracing“ bleiben wir trotzdem noch einmal bei unserer Schematischen Betrachtung weiter oben (Bild 1 bis 3). Sozusagen als statische Grundregeln gelten:
- Eine schmale, hohe Leiste würde sich deutlich weniger durchbiegen, als eine flache, breite Leiste.
- Die größte Kraft wirkt dort, wo die Durchbiegung am stärksten ist. Entsprechend müsste dort die Leiste möglichst hoch sein, um dem Durchbiegen entgegen zu wirken.
Ein „Scalloped Bracing“, also eine ausgehöhlte Beleistung, würde der Biegelinie in unserem Schema nur wenig entsprechen (Bild 4). Ausgerechnet im Bereich der stärksten Durchbiegung würde durch das „Scalloping“ die Höhe der Leiste und damit die Tragfähigkeit reduziert. Eine Ausbildung der Leiste wie in Bild 5 würde dagegen genau der Biegelinie folgen und wäre deutlich geeigneter, wenn wir nur die Statik im Auge haben.

Mittels „Scalloped Bracing“ versucht der Gitarrenbauer allerdings gar nicht, eine bestmögliche Tragfähigkeit der Beleistung zu erreichen. Ziel ist es vielmehr, den Klang der Gitarre dadurch kontrolliert zu beeinflussen. Die für die Wirkung entscheidenden Elemente sind dabei Steifigkeit und Masse. Wenn Sie an einer Leiste Holz weg nehmen, wird diese weniger steif. In diesem Bereich wird die Decke flexibler. Gleichzeitig wird die Decke dort weiter und gleichzeitig langsamer schwingen. Der Ton der Gitarre wird dadurch lauter und tiefer. Zumindest vom Prinzip her... Mehr Masse der Leiste kann zum selben Effekt führen: gleichbleibende Flexibilität vorausgesetzt, würde die Schwingung der Decke durch die zusätzliche Masse verlangsamt.
In der Höhe abschnittsweise reduzierte Leisten machen beim „Scalloped Bracing“ die Decke flexibler und beeinflussen den Ton der Gitarre in Richtung Bass und Lautstärke. Die Struktur der Gitarre wird durch das „Scalloping“ allerdings geschwächt.
Weniger Steifigkeit, mehr Masse: Lautstärke, Bass
Mehr Steifigkeit, weniger Masse: Stabilität, Höhen
Schlussendlich bleibt der Ton einer Gitarre aber eine sehr subjektive Angelegenheit. Die Form der Beleistung ist dabei nur ein Aspekt unter zahlreichen anderen, die den Klang der fertigen Gitarre prägen. Die Musik entsteht erst durch das Spiel des Gitarristen.